Es war eines der Spiele, die dem Betrachter retrospektiv zwei unterschiedliche Bewertungsmöglichkeiten erlauben: Gefahrlos gewonnen oder wieder kein 3:0 gegen einen Gegner von unten geschafft? Viele neue Kombinationen erfolgreich eingebaut oder über Phasen die Basics nicht umgesetzt? Ist das Glas halb voll oder halb leer?
Zumindest die nackten Zahlen sind nicht deutbar, sondern Tatsachen. Und die belegen, dass der USC Münster in seinem dritten Heimspiel nach Weihnachten seinen dritten Sieg geholt hat, und zwar mit einem 3:1 (25:20, 25:19, 25:27, 25:19) gegen den Drittletzten des Klassements, den SV Sinsheim. 12:12 Zähler stehen nun auf dem Konto der Unabhängigen. Platz acht bedeutet das – wohl auch für die nächste Zeit, denn nach oben und unten ist jeweils viel Luft in der Tabelle.
Zitterphasen
Eines hat der Vergleich mit dem Aufsteiger vor 1268 Zuschauern am Berg Fidel auch deutlich gemacht. Der USC bleibt weiter entfernt von der starken Frühform der Saison. Die Zitterphasen, in denen die Münsteranerinnen vom Gegner hohe Serien kassieren, sind praktisch noch in jedem Satz zu finden. Wobei es manchmal kaum eine Minute braucht, vielleicht nur eine einzige gelungene Aktion, dass der USC sein zweites, nämlich attraktives Gesicht zeigt, und vor allem mit starkem Aufschlag aber auch Qualität in fast allen anderen Elementen fleißig Punkte sammelt.
Nervöser Start
Eine solche Phase hatte der USC auch im ersten Durchgang. Nach einem von individuellen Fehlern auf beiden Seiten geprägten Start ging es gegen den Liga-Neuling aus Süddeutschland bis zur zweiten Technischen Auszeit (16:15) durchaus eng zu. Dann schoss der USC bei Aufschlag Gwen Horemans mit 23:16 in Front und gewann Satz eins 25:20.
Bereits im ersten, aber auch im zweiten Set, der von der Chronologie ganz ähnlich verlief, waren im USC-Spiel neue Elemente zu sehen. Beispielsweise schnelle Aufsteiger von Zuspielerin Michaela Jelinkova für die Mittelblockerinnen Lea Hildebrand und Horemans auf die Positionen zwei oder vier. Oder ein Rückraumangriff über Position sechs, bevorzugt mit Maren Brinker gespielt. Mit diesen Stilelementen machten die Unabhängigen doch einiges an Punkten, auch wenn die Dinge manchmal noch etwas ungelenk aussahen. Fast hatte man das Gefühl, dass der USC, der gerade Ende des zweiten Abschnitts deutlich das Geschehen diktierte und auf klarem 3:0-Kurs lag, extra diese Spielzüge ausprobierte, auch wenn andere Entscheidungen gefordert gewesen wären.
Erst klar auf Kurs
Mit 8:1 preschte der USC dann in den dritten Satz. Und als manche im Publikum schon anfingen darüber nachzudenken, was man gleich nach dem Spiel mit der übriggebliebenen Zeit anfangen könnte, riss der Faden so abrupt, dass man eigentlich den Knall hätte hören müssen. Nach 9:2 Ballpunkten in Serie waren Rudi Sonnenbichlers Akteurinnen wieder mittendrin statt nur dabei. Und das, obwohl der Gast übers komplette Spiel mit einer streckenweise erschreckenden Annahme hantierte und auch ansonsten eher einen biederen Eindruck hinterließ.
Immerhin, bei 20:22 schien beim USC noch ein Ruck durchs Team zu gehen, die ansonsten schwache Barbara Degi brachte Münster mit drei Punkten in Folge auf Kurs. Doch beim zweiten Matchball (24:23) dann ein geradezu alberner, zumindest aber völlig unsinniger Versuch des neuen Aufsteigers von Jelinkova und Hildebrand, der zum Sinsheimer Ausgleich führte. Maren Brinker holte den dritten Matchball heraus, aber der USC gab die drei nächsten Punkte, und damit den Satz ab.
Degi setzt Schlusspunkt
Und so wurde es am Berg Fidel wieder spannender, als viele der Fans es hätten haben müssen. Münster vertanzte eine 16:12-Führung, und manche mögen sich nach dem Match wohl kurz ausgemalt haben, was wohl passiert wäre, wenn Ines Bathen – auch sie meilenweit von ihrer Bestform entfernt – den schwierigen Ball zum 21:19 ins Netz gesetzt hätte. Stattdessen legte die 19-Jährige gleich nach, der Widerstand der Kraichgauerinnen um Kapitänin Julia Prus war gebrochen. Degi machte der Partie nach 96 Minuten ein Ende.
Büring: “Zweieinhalb Sätze überragend!”
Für Büring war danach das Glas im Übrigen mehr als nur halb voll. „Wir haben zweieinhalb Sätze richtig gut, ich würde sogar sagen überragend gespielt“, fand der 42-Jährige. „Da haben wir viel Neues umgesetzt, und Sinsheim hat über zwei Sätze gebraucht, um sich darauf einzustellen“, so Büring weiter. Allerdings gestand der Amelsbürener danach auch: „Klar bin ich sauer, dass wir das heute nicht 3:0 gewonnen haben. Aber ich wehre mich, dass jetzt ein 3:1-Sieg schlecht geredet wird!“ Wird er nicht. Nur von „überragend“ war die Vorstellung der Unabhängigen am Sonntag weit entfernt. Und das wohl nicht nur für diejenigen, die dazu neigen, das Glas eher halb leer sehen.
(Quelle: Echo-Münster/Lutz Hackmann)