PORTRÄT


Andrea Berg ist eine große Kämpferin

Andrea Berg

Blickt Andrea Berg auf das vergangene Jahr zurück, kommen gemischte Gefühle auf. "Teilweise war es sehr schön und erfolgreich", sagt sie, fügt dann aber hinzu: "Teilweise war es aber auch frustrierend und stressig." Aber der Reihe nach. Denn 2005 begann für die 24-Jährige, die mit dem USC Münster bereits vier nationale Erfolge feierte und davon träumt, auch einmal international einen Titel zu gewinnen, nahezu perfekt. Dank eines Fünfsatz-Erfolges über den Dresdner SC zog sie Anfang Januar mit dem USC Münster ins Pokalfinale ein und gewann sechs Wochen später in Bonn vor mehr als 1000 mitgereisten münsterschen Fans den Bronzepott. Noch immer läuft der Blondine ein Schauer über den Rücken, wenn sie an die Atmosphäre in der Hardtberghalle denkt. "Dass uns so viele Leute aus Münster begleiten, war Wahnsinn", sagt sie. "Als wir in die Halle kamen, haben wir unseren Augen nicht getraut." Im Mai der nächste Coup. In einer rappelvollen Halle Berg Fidel, in der an diesem Tag Sauna-Temperaturen aufkamen, führte sie ihre Mannschaft zur Deutschen Meisterschaft. "Die Zuschauer hier in Münster waren und sind einfach der Hammer", sagt sie noch heute beeindruckt. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ohne sie wäre und will das auch gar nicht tun."

Andrea BergAuch danach ging es für die 1,89 Meter lange Mittelblockerin weiter bergauf. Von Bundestrainer Hee Wan Lee wurde sie in die Nationalmannschaft berufen, erhielt viele Spielanteile und schaffte mit der deutschen Auswahl die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2006. "Bis zur WM-Quali lief es wirklich super", erinnert sich Andrea Berg, "danach wurde es eher frustig". Denn immer mehr musste sie das Spielgeschehen von der Wechselbank betrachten. "Es war für mich unverständlich, warum ich immer weniger Chancen bekam, obwohl es in der Mannschaft immer schlechter lief", sagt sie. Noch immer klingt Enttäuschung in Andrea Bergs Stimme mit, wenn sie von ihren Erlebnissen mit dem Nationalteam spricht. "als ich zurückkam, musste ich erst einmal lernen, wie es ist, wieder zu spielen", sagt sie, "Irgendwie habe ich da psychisch einen kleinen Knacks bekommen." Vollkommen hat sie den auch jetzt noch nicht weggesteckt. "Ich bin irgendwie noch nicht wieder ich selbst", sagt sie. Aber: "Ich will wieder dahin, wo ich schon einmal war." Andrea Berg

Allerdings geht Andrea Berg dabei wohl doch etwas zu kritisch mit sich selbst ins Gericht. Denn auch in ihrer vierten Saison beim USC zählt die Spielerin mit der Nummer 13, die noch mindestens bis 2007 für die Unabhängigen auflaufen wird, zu den wichtigen Stammkräften und schafft es als Spielführerin dank ihres unbändigen Willens immer wieder, das gesamte Team mitzureißen. Wie beispielsweise im Meisterschaftsspiel gegen den VfB 91 Suhl, als die Münsteranerinnen nach gewonnenem ersten und verlorenem zweiten Durchgang im dritten Satz schon deutlich auf die Verliererstraße eingebogen waren, den Abschnitt und die Partie dann aber doch noch zu ihren Gunsten drehten. Die Emotionen, die Andrea Berg mehr als viele andere Spielerinnen zeigt und ihr manchmal auch "auf den Senkel gehen", sind ihr Markenzeichen, zugleich aber auch Gründe für ihren Erfolg. "Ich muss auf dem Feld platzen, um gut zu spielen" sagt sie und erzählt: "Axel sagt immer: Wenn ich nicht knallrot bin, bin ich nicht ich." Zudem zeichnen sie Kampfgeist, Ehrgeiz und ein äußerst professionelles Selbstverständnis als Volleyballspielerin aus.

Andrea BergDazu zählt beispielsweise auch, dass die Emlichheimerin, die auf einem Bauernhof groß wurde und Tiere noch immer über alles liebt, eine Ausbildung zur Versicherungskauffrau absolviert. Das allerdings nicht nur, um für die Zeit nach dem Sport vorzusorgen. "Ich brauche einfach noch etwas anderes für den Kopf als nur Volleyball", sagt sie und erinnert sich: "In meinem ersten Jahr in Münster habe ich neben dem Sport nichts gemacht. Da fiel es mir sogar immer schwerer, Kreuzworträtsel zu lösen." Die Ausbildung beim USC-Hauptsponsor LVM erfordert ein hohes Maß an Organisationstalent. Während des Innendienstpraktikums geht Andrea Berg derzeit vormittags ihrer Arbeit nach, fährt mittags zur ersten Trainingseinheit und gönnt sich - vorausgesetzt, die knappe Zeit erlaubt es - dann eine Stunde für sich. Danach steht täglich physioterapeutische Behandlung auf dem Programm, gefolgt von einer weiteren Trainingseinheit. "Die Zeit, die man für sich hat", sagt sie, "ist halt begrenzt". Andrea Berg

Pünktlich zu Beginn des neuen Jahres blickt Andrea Berg nach vorn und hat sich für 2006 einiges vorgenommen. Gleich zu Beginn könnte ihr eine große Ehre zuteil werden, denn erstmals ist sie als Münsters Sportlerin des Jahres nominiert und hofft natürlich auf möglichst viele Stimmen. Zuvor aber hat "die Bergsche" den Einzug ins Pokalfinale am 19. März im Gerry-Weber-Stadion in Halle (Westfalen) im Visier. Voraussetzung dafür jedoch ist ein Sieg über Suhl. "Das wird alles andere als einfach", sagt sie. "Wenn wir in diesem Jahr etwas ereichen wollen, dann schaffen wir das nur zusammen. Es wird schwerer als in den vergangenen Jahren, aber ich glaube an das Team - ich glaube an uns."

Porträt © 2005 Conny Kurth
Fotos © 2005 Wilfried Hiegemann
USC Journal / Ausgabe 6 - Saison 2005/06 v. 08.01.2006


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